Mittwoch, 25. April 2012

Buchkritik: Mark & Lydia Benecke, Dunkelkammer des Bösen



Fernab von Klischees:

Von Justiz-Irrtümern zu den Irrungen von Tätern

Mark Benecke durchleuchtet mit Lydia Benecke die Psyche
von Mördern

Mark Benecke ist ein gefragter Kriminalbiologe. In
seinem neuesten Buch schildert er mit seiner Frau,
der Diplom-Psychologin Lydia Benecke aktuelle und
historische Kriminalfälle. Dieses Mal geht es aber
nicht um Maden oder Larven, sondern eher um die
psychologischen Abartigkeiten von Serienmördern,
Vergewaltigern und Pädophilen. Benecke beginnt jedoch
mit einem der spektakulärsten Fall der Nachkriegs-
geschichte: mit dem Gebiss von Adolf Hitler. Den Weg
dorthin führt den Verfasser spannungsgeladen über den
angeblichen Schädel des Diktators bis hin zu den
Röntgenbildern der Zähne beim KGB. Im Anschluss daran
beleuchtet das Autorenduo den Fall des Kindermörders
Lus Alfredo Garavito Cubillos. Er tötete bis 1997
rund 300 Jungen in Kolumbien. Wie wird aus einem Menschen
ein Serientäter? Sowohl Psychiater als auch Psychologen
fanden in der Biographie von Gewaltstraftätern, meist
in deren Kindheit Gewlat, sexuelle Misshandlung und
kaputte Elternhäuser. Glaubt man Hirnforschern, so ist
die Genetik schuld und die Erziehung nicht mehr maßgeblich.
Die Wahrheit liegt wie oft sicher dazwischen. Doch selbst
in diesem Buch wird eingeräumt, dass genetische Defekte
die Wahrscheinlichkeit erhöhen, antisozial zu werden.
Einleuchtend klingt auch, dass eine Spirale von Gewalt
in der Familie psychische Störungen bei Kindern begünstigen
kann. Wenngleich das nicht so sein muss, wie viele
prominente Beispiele zeigen. Ophrah Winfrey hatte es
schwer, Harald Glööckler ebenfalls und beide wurden Stars
ohne kriminelle Energie oder antisozialem Verhalten.
Der Kolumbianer Garavito kann sich nicht in andere einfühlen.
Schuldgefühle kennt er nicht. Er wurde von seinem Vater
verprügelt, bis er im Alter von 12 Jahren zurückschlug.
Garavito wird von Lydia Benecke als Narzisst eingestuft,
er ein übersteigertes Selbstbild hat. Und einen Charme,
mit dem er andere von sich überzeugen kann. Beim US-amerikanischen
Serienmörder David Berkowitz wurden bereits in der Kindheit
Störungen festgestellt, doch der Gang zum Kinderpsychologen
bliebe erfolglos. Er war getrieben vom Hass auf Frauen.
Seine Mutter gab ihn als Kind einer Affäre zur Adoption frei.
Er trat in die Armee ein, war in Südkorea und suchte in den
USA seine leibliche Mutter, die er hasst. Von Wut getrieben
begann er seine Mordserie, nachdem er seine leibliche Mutter
getroffen hatte. Berkowitz litt unter Minderwertigkeitkomplexen
und wünschte sich Beachtung. Nach der Definition des
Psychologen Rainer Sachse ist David Berkowitz ein erfolgloser
Narzisst. Er wurde weder ein Kriegsheld noch ein großer
Liebhaber. Um der Todesstrafe zu entgehen, bekannte er sich
vor Gericht schuldig und bekam sechs Mal lebenslänglich.
In dem Buch werden auch die in den Medien verbreiteten Gräuel
des Josef Fritzl an seiner Tochter Elisabeth beleuchtet.
Auch Vergewaltiger werden näher klassifiziert. Und der Mord
aus Eifersucht. Im Kapitel Pädophilie wird deutlich mit
Vorurteilen aufgeräumt. Es gibt Betroffene, die Angst vor
ihrer eigenen Neigung haben und die Hilfe suchen. Manche
Psychologen lehnen diese Betreuung aber ab und reagieren
nicht auf die Hilferufe. An der Berliner Charité gibt es
ein Präventionsprojekt "Kein Täter werden", wo sich Männer
mit pädophiler Neigung melden können. Wie eine Therapie im
Gefängnis bei Pädophilie aussieht, beschreibt Lydia Benecke
gründlich. Es ist keine Kuscheltherapie. Sie kennt die
verschiedenen Abstufeungen und räumt mit gängigen Klischees
auf. Nicht jeder Pädophile will Sex mit Kindern haben.
Fast alle Fälle in dem dicken Band führen eines vor Augen:
wie wichtig echte Liebe und Zuneigung für ein Kind sind.
Denn jedes misshandelte Kind wird einmal erwachsen. Nicht
jeder Erwachsene mit Gewaltvergangenheit wird automatisch
zum Täter, aber das Risiko dafür ist dennoch groß. Vielleicht
wäre es an der Zeit, einen Elternführerschein zu etablieren
oder die Elternschaft in den Stundenplan hineinzuschreiben.
(c) Corinna S. Heyn


Mark Benecke/Lydia Benecke,
Aus der Dunkelkammer des Bösen.
Neue Berichte vom bekanntesten Kriminalbiologen
der Welt.
Bastei Lübbe 2011.
Preis 14,99 Euro
www.luebbe.de
www.benecke.com
www.benecke-psychology.com